Fast jeder Apnoetaucher erinnert sich an das erste Mal, als am Beckengrund die Ohren schmerzten. Sie waren nur zwei oder drei Meter tief, das Atemanhalten war kein Problem, und trotzdem zwang Sie ein stechender Druck in den Ohren zur Umkehr. Das ist normal. Für die meisten Einsteiger ist die eigentliche Tiefengrenze nicht der Sauerstoff, sondern der Druckausgleich.
Druckausgleich ist eine erlernbare motorische Fertigkeit, wie ein Schwimmzug. Sobald Sie verstehen, was im Ohr passiert und warum die klassische Technik kopfüber versagt, wird der Weg zu einem angenehmeren Abtauchen deutlich klarer. Dieser Ratgeber behandelt Physik, Anatomie, die zwei wichtigsten Techniken, die Idee hinter Mouthfill, Trockenübungen und die Sicherheitsregeln.
Warum die Ohren schon auf zwei Metern schmerzen
An der Oberfläche lastet etwa 1 bar Luftdruck auf Ihnen. Alle 10 Meter Meerwasser kommt ungefähr ein weiteres bar hinzu. Auf 10 m beträgt der Gesamt- oder Absolutdruck also etwa 2 bar, auf 20 m 3 bar, auf 40 m 5 bar.
Das Gesetz von Boyle-Mariotte besagt, dass das Volumen eines Gases bei konstanter Temperatur umgekehrt proportional zu seinem Druck ist. Verdoppelt sich der Druck, halbiert sich das Volumen. Jeder Luftraum im Körper folgt dieser Regel: Lunge, Nasennebenhöhlen, Maske und Mittelohr. Starre Lufträume wie das Mittelohr können nicht schrumpfen, also wird stattdessen das umliegende Gewebe hineingezogen, und das Trommelfell wölbt sich nach innen.
| Tiefe | Absolutdruck | Relatives Luftvolumen | Änderung zur vorherigen Stufe (Anteil am Oberflächenvolumen) |
|---|---|---|---|
| 0 m | 1 bar | 1 | – |
| 10 m | 2 bar | 1/2 (50 %) | −50 % |
| 20 m | 3 bar | 1/3 (33 %) | −17 % |
| 30 m | 4 bar | 1/4 (25 %) | −8 % |
| 40 m | 5 bar | 1/5 (20 %) | −5 % |
| Von 0 bis 40 m | Volumen durch 5 geteilt | ||
Die praktische Folge widerspricht der Intuition: Am schwierigsten für die Ohren ist nicht der tiefste Punkt, sondern der Anfang. Zwischen Oberfläche und 10 m halbiert sich das Luftvolumen. Zwischen 30 und 40 m schrumpft es nur noch um ein Zwanzigstel des Ausgangsvolumens. Einsteiger spüren gerade deshalb schon auf zwei oder drei Metern Schmerzen, weil die relative Änderung dort so steil ist.
Im Ohr: Trommelfell, Mittelohr, Eustachische Röhre
Der äußere Gehörgang ist zum Wasser hin offen und steht daher immer unter Umgebungsdruck. Hinter dem Trommelfell liegt das Mittelohr, ein kleiner luftgefüllter Hohlraum im Knochen mit den drei winzigen Gehörknöchelchen, die den Schall übertragen. Weiter innen liegt das flüssigkeitsgefüllte Innenohr, zuständig für Hören und Gleichgewicht.
Die einzige Verbindung des Mittelohrs zur Außenluft ist die Eustachische Röhre (Ohrtrompete), ein enger Kanal, der nach unten und vorn zum hinteren Nasen-Rachen-Raum führt, dem Nasopharynx. Normalerweise ist sie geschlossen. Beim Schlucken oder Gähnen öffnet sie sich kurz, so passen sich Ihre Ohren im Flugzeug an.
Druckausgleich heißt also nichts anderes, als etwas Luft aus dem Nasopharynx durch die Eustachischen Röhren zu drücken, bevor die Druckdifferenz groß wird. Warten Sie zu lange, kann die Differenz die Röhre zupressen, und keine Kraftanstrengung öffnet sie dann ohne Risiko2. Dieselbe Logik gilt für die Maske: Atmen Sie beim Abtauchen etwas Luft durch die Nase hinein, damit sie nicht aufs Gesicht drückt.
Valsalva: die Technik, mit der alle anfangen
Das Valsalva-Manöver machen die meisten instinktiv: Nase zuhalten, Mund schließen und sanft pressen, als wollten Sie durch eine verstopfte Nase ausatmen. Der Druck kommt aus Brust- und Bauchmuskulatur, die die Lunge zusammendrücken und Luft Richtung Rachen und in die Röhren schieben.
Auf den ersten Metern, vor allem mit dem Kopf oben, funktioniert das oft. Beim Apnoetauchen hat es drei Grenzen:
- Kopfüber ist die Luft am falschen Ort. Tauchen Sie kopfvoran ab, sammelt sich die Luft in der Lunge Richtung Füße, weg vom Kopf. Der Brustkorb muss sie ganz nach oben drücken, was mühsam und ineffizient wird.
- Es braucht Luft in der Lunge. Je stärker die Tiefe die Lunge komprimiert, desto weniger Luft steht zum Pressen zur Verfügung, und Valsalva funktioniert nach und nach nicht mehr.
- Man presst leicht zu stark. Ein kräftiges Valsalva erhöht den Druck im Brustkorb und kann einen Druckstoß ans Innenohr weitergeben. Forcierte Valsalva-Versuche werden mit Innenohr-Barotraumen in Verbindung gebracht, die Gehör oder Gleichgewicht schädigen können2. Außerdem kostet es Muskelarbeit und damit Sauerstoff.
Frenzel: die Technik der Apnoetaucher
Das Frenzel-Manöver nutzt einen viel kleineren Motor: die Zunge. Mit zugehaltener Nase schließen Sie die Stimmritze, die Glottis (das Ventil oben an der Luftröhre, das sich schließt, wenn Sie die Luft anhalten oder etwas Schweres heben). Damit ist die Lunge abgekoppelt. Dann drücken Sie den Zungengrund wie einen Kolben nach oben und hinten, komprimieren das kleine Luftvolumen in Mund und Nasopharynx und schicken es in die Eustachischen Röhren.
Weil Frenzel nur die Luft nutzt, die schon im Kopf ist, funktioniert es kopfüber, erfordert sehr wenig Kraft und hält den Brustkorb entspannt. Außerdem lässt sich der Druck feiner dosieren: eine Folge kleiner, sanfter Impulse statt eines großen Pressens. Deshalb ist es die Standardtechnik in Apnoekursen3.
Valsalva presst mit dem ganzen Brustkorb. Frenzel drückt mit der Zunge. Beim Apnoetauchen gewinnt der kleinere Motor.
Tiefer: die Idee hinter Mouthfill
Auch Frenzel braucht etwas Luft im Mund. Je tiefer Sie kommen und je mehr die Lunge schrumpft, desto schwerer wird es, für jeden neuen Ausgleich Luft aus der Lunge in den Mund zu holen. Mouthfill ist die Lösung der Tieftaucher: An einem bestimmten Punkt des Abstiegs nehmen sie einen großen Luftvorrat in den Mund, blähen die Wangen, verschließen die Glottis und nutzen diesen Vorrat für den Rest des Abstiegs mit der Zunge.
In welcher Tiefe der Mouthfill genommen und wie er eingeteilt wird, hängt von Lungenvolumen, Flexibilität und Erfahrung ab. Es ist eine fortgeschrittene Technik, die schrittweise im Wasser, in der Tiefe, mit einem Instructor gelernt werden sollte. Fürs Erste genügt es zu wissen, dass es sie gibt: Wenn Frenzel bei Ihnen bis zu einer bestimmten Tiefe klappt und dann nicht mehr, beginnt dort oft der Bereich des Mouthfill.
Trockenübungen für Frenzel
Die Grundbewegung von Frenzel lässt sich an Land lernen, am Schreibtisch sitzend. Machen Sie diese Übungen sanft, in kurzen Einheiten, und hören Sie auf, sobald etwas schmerzt.
- Finden Sie Ihre GlottisNehmen Sie einen kleinen Atemzug und halten Sie ihn mit offenem Mund. Sie sollten spüren, wie sich im Hals ein Ventil schließt: das ist die Glottis. Sagen Sie ein kurzes, hartes „k“ und achten Sie darauf, wie der Zungengrund den weichen Gaumen berührt.
- Die Lunge abkoppelnVersuchen Sie bei geschlossener Glottis auszuatmen. Nichts sollte sich bewegen. Halten Sie jetzt die Nase zu, schließen Sie die Lippen und lassen Sie die Glottis zu.
- Die Zunge als Kolben einsetzenAlles bleibt geschlossen; drücken Sie den Zungengrund nach oben und hinten, als würden Sie lautlos „k“ oder „t“ sagen. Die Luft im Mund wird komprimiert. Blähen sich die Wangen, geht die Luft in die falsche Richtung; halten Sie sie fest.
- Das Klicken spürenErreicht der Impuls die Eustachischen Röhren, spüren Sie vielleicht ein leichtes Klicken oder Völlegefühl in beiden Ohren. Kurze, sanfte Impulse genügen. Passiert nichts, drücken Sie nicht stärker; entspannen Sie sich und versuchen Sie es später erneut.
- Den Rhythmus übenSobald es klappt, wiederholen Sie einige sanfte Impulse hintereinander und üben dann mit leicht eingezogenem Kinn, der Kopfhaltung beim Abtauchen.
Eine App wie Anima Apnea trainiert Ihr Atemanhalten an Land: Statik-Timer, CO2- und O2-Tabellen, geführte Atmung. Druckausgleich bringt sie Ihnen nicht bei. Beides ergänzt sich: Ein ruhiges, angenehmes Atemanhalten gibt Ihnen Zeit, ohne Hektik auszugleichen, aber die Ohren lernen Sie im Wasser. Für die trockene Seite lesen Sie unseren Ratgeber, wie Sie statische Apnoe ohne Trainer verbessern.
Wie oft ausgleichen?
Die Antwort ergibt sich direkt aus dem Gesetz von Boyle-Mariotte. Weil sich das Volumen nahe der Oberfläche am schnellsten ändert, gleichen Sie zu Beginn des Tauchgangs früh und oft aus, mit zunehmender Tiefe dann seltener.
- Bevor Sie die Oberfläche verlassen, kann ein sanfter Vorausgleich helfen, solange er wirklich sanft ist.
- Auf den ersten Metern sehr häufig ausgleichen. Viele Instructoren empfehlen etwa jeden Meter oder sobald Sie den geringsten Druck spüren.
- Tiefer werden die Abstände von selbst länger, weil jeder Meter das Volumen weniger verändert.
- Vor dem Unbehagen, nicht danach. Wenn Sie Schmerz spüren, sind Sie schon zu spät, und die Röhre lässt sich womöglich schwerer öffnen.
Langsames Abtauchen am Anfang erleichtert all das. Auch Entspannung hilft: Verspannungen in Nacken, Kiefer und Hals erschweren das Öffnen der Eustachischen Röhren. Die Ruhe, die Sie mit Atemübungen und trockenen Tabellen aufbauen, ist hier unmittelbar nützlich. Für die Tiefe ist der Tauchreflex das andere Stück Physiologie, das Sie verstehen sollten.
Niemals forcieren: Barotrauma und verstopfte Nase
Pressen Sie beim Druckausgleich nie stärker und tauchen Sie nie mit Ohrenschmerzen weiter ab. Anhalten, ein bis zwei Meter aufsteigen, sanft erneut versuchen. Klappt es immer noch nicht, beenden Sie den Tauchgang. Forcieren kann das Trommelfell zerreißen oder das Innenohr verletzen. Tauchen Sie nie allein: immer mit einem ausgebildeten Buddy, der Sie von der Oberfläche aus beobachtet.
Das Mittelohr-Barotrauma, die häufigste Tauchverletzung, entsteht, wenn die Druckdifferenz am Trommelfell zu groß wird1. Es reicht von einer Einblutung ins Trommelfell bis zur Perforation. Dringt durch ein perforiertes Trommelfell Wasser ins Mittelohr, kann das plötzlichen Schwindel auslösen, der im Wasser gefährlich ist. Ein Innenohr-Barotrauma ist seltener, aber schwerwiegender.
- Gehen Sie zum Arzt, wenn nach einem Tauchgang anhaltende Schmerzen, Blut aus Ohr oder Nase, vermindertes Hören, Ohrgeräusche oder Schwindel auftreten.
- Nicht tauchen bei Erkältung, Nebenhöhlenentzündung oder akuter Allergie. Schwellungen verengen die Eustachischen Röhren und machen ein Barotrauma deutlich wahrscheinlicher. Abschwellende Mittel können während der Einheit nachlassen; fragen Sie lieber einen Arzt, statt sich darauf zu verlassen.
- Zuerst ärztlicher Rat bei früheren Ohroperationen, Trommelfellperforationen, Herz- oder Lungenerkrankungen, Epilepsie oder in der Schwangerschaft.
- Lernen Sie im Wasser mit einem zertifizierten Instructor (AIDA, Molchanovs, SSI, PADI Freediver oder gleichwertig). Ein Instructor kann Ihre Technik beobachten, Verspannungen erkennen und Ihre ersten Abstiege am Seil sicher begleiten.
Häufige Fragen
Sollten Anfänger Frenzel oder Valsalva lernen?
Die meisten beginnen mit Valsalva, weil es sich natürlich ergibt, und auf den ersten Metern kann es funktionieren. Frenzel ist die Technik, die man fürs Apnoetauchen lernen sollte: Sie funktioniert kopfüber, braucht sehr wenig Luft und kommt ohne Pressen aus dem Brustkorb aus.
Warum klappt mein Druckausgleich nur bis wenige Meter?
Meist, weil Sie zu spät ausgleichen, kopfüber mit Valsalva abtauchen oder in Nacken und Kiefer verspannt sind. Gleichen Sie früher und häufiger aus, tauchen Sie langsamer ab und lernen Sie Frenzel. Auch eine verstopfte Nase kann die Eustachischen Röhren blockieren.
Kann ich Frenzel an Land lernen?
Ja, die Grundbewegung lässt sich trocken lernen: die Stimmritze schließen und dann mit zugehaltener Nase die Zunge als Kolben einsetzen. Sie kopfüber im Wasser anzuwenden ist eine eigene Fertigkeit, die Sie am besten mit einem Instructor lernen.
Was tun, wenn die Ohren beim Tauchen schmerzen?
Sofort aufhören abzutauchen, ein bis zwei Meter aufsteigen und es sanft erneut versuchen. Klappt es dann immer noch nicht, beenden Sie den Tauchgang. Schmerzen, Schwindel, Ohrgeräusche oder vermindertes Hören nach dem Tauchen sind ein Grund, zum Arzt zu gehen.
Kann ich mit Schnupfen apnoetauchen?
Besser nicht. Eine verstopfte Nase erschwert den Druckausgleich und erhöht das Risiko eines Barotraumas. Trainieren Sie stattdessen trocken und gehen Sie erst wieder ins Wasser, wenn Nase und Ohren völlig frei sind.
Anima Apnea trainiert die Atemanhalte-Seite des Apnoetauchens: Statik-Timer, CO2- und O2-Tabellen passend zu Ihrer Bestzeit, geführte Atmung und Kontraktionserfassung. Den Druckausgleich lernen Sie im Wasser, mit einem Instructor.
Quellen
- Lindholm P, Lundgren CEG. The physiology and pathophysiology of human breath-hold diving. Journal of Applied Physiology, 2009.
- Edmonds C, Bennett M, Lippmann J, Mitchell SJ. Diving and Subaquatic Medicine, 5. Auflage. CRC Press, 2015.
- Brubakk AO, Neuman TS (Hrsg.). Bennett and Elliott's Physiology and Medicine of Diving, 5. Auflage. Saunders, 2003.